Rappelkopf mit Feuersäulenmusik

 

Musikalisch-biografischer Abend: Nadia Singer und Lutz Görner boten in der Oetkerhalle ein brillant-launiges Beethoven-Portrait

Von Christoph Guddorf

Bielefeld.

Dass auch Ludwigvan Beethoven im Kosmosvon Franz Liszt eine rührigeRolle spielt, bezeugen anihrem musikalisch-biografischen Abend „Sein Leben, seineMusik“ auf bewährte ArtNadia Singer (Klavier) und Lutz Görner (Rezitation).

Liszt macht als elfjährigerKnabe dem Meister die Aufwartung, geht beglückt mit einem Kuss auf der Stirn und wird später die Musik Beethovens als „Wolkensäule“ am Tag und „Feuersäule“ in der Nacht“ und künstlerischen Wegweiser bezeichnen. Während Singer brillant-beflammt Beethovens künstlerische Entwicklung nachzeichnet, gibt Görner gesten- und anekdotenreichein launig-lockeres Porträt des kleinen, hässlichen, ungepflegten wie unmanierlichen, störrischen Rappelkopfes, der mit seinem Selbstwertgefühl nicht umzugehen weiß.

Er, der bengelhafte Bürgerliche ,der vor dem Adel und seinen Gönnern kein Blatt vor den Mund nahm, dafür aber „seine Blätter“ an mehrere Verleger verkaufte und sich selbst unbescheiden als Freiherr und Einzigartigen sah. Dieses ungestüme Bild spiegelt sich etwa im zweiten Satz der As-DurSonate op. 110, dessen Härte und Wildheit einem geradezu Angst einflößt (so Chopin).

Dass aus dem bettnässenden, von dem Alkohol zugeneigten Eltern erzogenen, in der Schule unbegabten Kindeinmal ein künstlerisches „Kraftgenie“ (Adorno) werden sollte, konnte kaum jemand ahnen. Ein Lehrer namens Neefe sollte dieses als Ersterernsthaft fördern und lehrte ihn neben dem Orgelspiel im Komponieren. Was unteranderem das ungetrübt frische C-Dur-Rondo WoO 48 hervorbrachte.

Singer lässt das aufkeimende Selbstbewusstsein des jungen Wilden in ihrem Spiel aufblitzen. Das Rondo der „Waldstein“-Sonate indes erklingt in drei Etappen, in denen Singer den Kontrast von singendschwebender Leichtigkeit undenergisch figurierter Entschlossenheitin aller Temperiertheit und Transparenz auslotet.

Zeugt von Beethovens allem Anschein nach rein platonischer Liebe und Beziehung zu Frauen neben dem berühmten Brief an die unbekannte „unsterbliche Geliebte“ womöglichauch die „Mondschein“-Sonate als Ausdruckeiner auf sich selbst zurückgewiesenen Liebe oder Libido? Man könnte es in Anhörung von Singers (atem)stockendsinnierender Interpretationder ersten beiden alles andereals unbekümmerten Sätze fastmeinen. Spricht nicht zudem aus dem furiosen Finale nahezu ungebremste Aufgewühltheit und Wut? Das subtile Gespürfür Dramatik und Stimmungen,das die Pianistin hierbeweist, ist mitreißend.Ebenso in einer stimmenreichen „Adelaide“ (in Lisztscher Bearbeitung), mit einersprunghaft-garstigen Note im 2. Satz der „Hammerklavier“-Sonate, in der göttlichen Harmonie des langsamen Satzes der „Pathétique“ oder in der abschließend an einem Stückzu hörenden „Appassionata“,die einem im ersten und dritten Satz rhythmisch schneidendscharf und ausdrucksextremum die Ohren fegt. Dafürgibt es am Ende zu Recht Bravo-Rufe und stehend gegebene Ovationen.

 

 

Ein blonder Engel spielt wie der Teufel

Kammermusikforum

Lutz Görner und Nadia Singer ergänzen sich wunderbar.

Von BEATE KRANNICH

 

Es ist ein ungleiches Paar, das da im Zeiss-Forum Oberkochen auf derEs ist ein ungleiches Paar, das da im Zeiss-Forum Oberkochen auf derBühne steht – aber die junge Pianistin Nadia Singer und der erfahreneSprecher Lutz Görner ergänzen sich wunderbar. Auf Einladung desKammermusikforums Baden-Württemberg ließen die Künstler denKomponisten Ludwig van Beethoven in Wort und Musik lebendig werden– vor der prächtigen Kulisse des Wiener Konzerthauses.

Lutz Görner ist ein Routinier. Im lockeren Plauderton skizziert er dasLeben van Beethovens, dessen flämischen Namen er mit „Rübenhofer“übersetzt. Er erzählt von der Kindheit in Bonn und von dem vergeblichenVersuch, Schüler Mozarts zu werden, von dem Umzug nach Wien unddem damit verbundenen Kulturschock. Wie er Schüler von Haydn wirdund dank reicher Gönner und guter Auftragslage ein Auskommen hat.

Der Sprecher mit der bunten Blümchenhose zitiert, durchaus mit Sinn fürHumor, aus Briefen von Zeitgenossen, die Beethoven als genialenPianisten beschreiben, aber auch als mürrischen, hässlichen,ungepflegten Eigenbrötler. Lutz Görner leiht seine Stimme demelfjährigen Franz Liszt, der dem großen Komponisten einst seineAufwartung machte. Da war der schon taub und seine Besucher konntenmit ihm nur über ein Konversationsheft kommunizieren. Görner lässtauch Beethoven selbst zu Wort kommen. In einem Brief an einenJugendfreund artikuliert er die tiefe Verzweiflung über die beginnendeTaubheit.

Nun wäre dieser Abend nur halb so schön, wenn es allein bei der fraglosvergnüglichen und anregenden Rezitation bliebe. Zum Glück ist NadiaSinger mit von der Partie. Die junge Pianistin ist eine Sensation undbringt das Format so richtig zum Leuchten. Ein blonder Engel, der wieder Teufel spielt. Präzise und transparent, impulsiv und leidenschaftlich,mit unbekümmerter Leichtigkeit und einem reichenKlangfarbenspektrum, virtuos und auswendig sowieso interpretiert diejunge Künstlerin Sätze und Sonaten aus Beethovens Klavierwerk.Knisternde Spannung im Saal, wenn sie die Mondscheinsonate anstimmtoder den zweiten Satz der Pathétique.

Die Zuhörer im gut besetztenZeiss-Forum sind fasziniert vom ausdrucksstarken Spiel Nadia Singers.Begeisterter Applaus nach der Appassionata, der berühmtenKlaviersonate in f-Moll, die in voller Länge erklingt. Sie würden gernwiederkommen, sagt Lutz Görner zum Abschied. Dann mit einem neuenProgramm. Klavierabende zu Robert Schumann und Johannes Brahmssind bereits in Vorbereitung.

© Schwäbische Post 04.03.2018 17:00